Wählen auf italienisch
Heute komme ich nach Hause, die Sonne scheint und der Frühling macht sich tatsächlich langsam bemerkbar (da habe ich mir erstmal 2 Töpfe Bärlauch gekauft, aber das gehört nicht hierher), da steckt doch ein riesiger Umschlag in meinem Briefkasten: Briefwahlunterlagen.
Ich freue mich, denn eine der wenigen sinnvollen Dinge, die Berlusconi als Regierungschef geleistet hat, ist die Einführung der Briefwahl.
Zum Dank dafür werde ich heute mithelfen, ihn abzuwählen.
Früher bekam man als Auslandsitaliener eine Wahlaufforderung, mit der konnte man auch innerhalb Italiens kostenlos Zugfahren.
Gut für den Sizilianer, der in Turin arbeitet, aber am Geburtsort (!) wählen muss.
Nicht gut für mich, da die Anreise nach Italien etwa 80% des Reisewegs einnimmt und in meinen Heimatort eh keine Züge fahren.
Nun also kann ich per Post wählen.
Ich wähle also zum 2. Mal in meinem Leben italienisch.
Einmal hatte ich schon das spezielle Vergnügen, im Konsulat zu wählen, für die Europawahl. Die Konsulin wollte mich erst nicht wählen lassen, da ich mich mit meinem deutschen Ausweis auswies.
Das man 2 Staatsangehörigkeiten rechtmässig besitzen kann, war ihr offenbar noch nicht zu Ohren gekommen.
Ein deutscher Wahlzettel ist eine ordentliche Angelegenheit, die Parteien schön aufgelistet, man weiss, wer was ist (zB SPD, CDU) und es ist eindeutig, wo man wieviele Kreuze zu machen hat.
Nicht so ein italienischer Wahlzettel.
Im Umschlag mit den Briefwahlunterlagen liegt ein fesches Poster. Beidseitig werden da die Parteien und mysteriöse Wahlbündnisse zur Senats- und Deputiertenkammer-Wahl vorgestellt.
(Italienische Politik ist so schwer zu verstehen wie italienische Wahlzettel, weshalb ich nur etwa einmal im Monat das Tagesgeschehen im Internet verfolge und mich ansonsten vom gesunden Menschenverstand leiten lasse)
Zum Glück kommt grade mein Vater rein und ich frage ihn, wie das alles funktioniert.
Er weiss es auch nicht, als guter Vater tut er aber so, als kenne er sich aus.
Schliesslich findet sich im Umschlag noch eine bebilderte Anleitung auf deutsch und ich kann mich daran machen, zu wählen.
Nach mehrmaligem durchlesen des Posters mit den zu Wählenden ist uns klar, welche Gruppierungen da vertreten sind.
Die Kommunisten sind nun doch in das Prodi-Bündnis mit eingetreten, zumindest vermuten wir das, sie haben kein eigenes Symbol.
Überhaupt Symbole:
der Gatte rät, einfach nach dem schönsten Symbol zu wählen.
Das wäre dann “Fiamma Tricolore”. So heissen die jetzt, damit man nicht merkt, das es sich um die MSI handelt, also die Neofaschisten.
Die Lega Nord hat auch ein fesches Symbol, kommt aber genausowenig in Frage. Leicht esoterisch angehaucht daher kommt das Bündnis “L’altra sicilia per il sud”. Wie der Name schon sagt, richtet sich dieser Club an Süditaliener, also nicht an mich.
Alle Parteien bemühen sich darum, auch Kandidaten aus dem Ausland aufzubieten, am weitesten geht die UDC, ein Ronald James Mackenna aus Schottland darf bei ihnen mitspielen, das finde ich ja schon fast übertrieben, so heissen doch keine Italiener, und mich will die Konsulin trotz schönem sardischen Nachnamen nicht wählen lassen?
Verrückte Welt.
Mit halbem Auge schiele ich noch auf die Partito degli Italiani nel Mondo, ja, das bin ich, 4. Generation nun schon im Ausland, aber ach: ich habe keine Ahnung, was die wollen und Chancen haben die sicher auch nicht.
Also das übliche, das sog. kleinere Übel.
Mit Hilfe der Anleitung setze ich mein Kreuz auf das hässlich designte Symbol (die Italiener werden doch immer für guten Geschmack gelobt, nur in der Politik merkt man wenig davon) und schreibe den Namen meines präferierten Abgeordneten daneben (ich kenne die nicht und nehme einfach Frauen).
Schliesslich alles in einen Umschlag und ab die Post.
Und wenn alle Stricke reissen kann ich zumindest sagen: Ich habe ihn nicht gewählt!

24. März 2006 um 12:50
allerhand informationen fuer im ausland lebende italiener bietet uebrigens http://www.comitescolonia.de/
zb auch eine ausfuehrliche anleitung(pdf).